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Andreas Sator

@a_sator

Sep 23

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Populistische Parteien gefährden die Demokratie, den Rechtsstaat und unsere Freiheit. Sie haben 🇭🇺🇵🇱🇧🇷🇹🇷🇷🇺, bald 🇮🇹, vll. wieder 🇺🇸 in der Hand. Warum sind sie in den vergangenen Jahren erstarkt? Und was können wir ihnen entgegensetzen? Hier das Ergebnis unzähliger Studien 🧵

Zuerst einmal: Was heißt Populismus eigentlich? Politikwissenschafter:innen verstehen darunter nicht, dass jemand vereinfachend spricht. Sondern eine Theorie der Gesellschaft: Es gibt das normale Volk mit gleichen Interessen. Und es gibt eine korrupte Elite, die gegen es ist.

Hört mal Kickl, Strache, Hofer im Bierzelt zu. Es geht immer um die da oben gegen uns, das wahre Volk. Weil Populisten von der Bevölkerung als homogenes Volk ausgehen, ist kein Platz für Minderheiten. Auch nicht für Pluralismus, diverse Meinungen.

Weil Populisten anti-elitär sind, hebeln sie immer, wenn sie an der Macht sind, checks and balances aus. Medien, öffentlich-rechtliche Sender, Gerichte, Staatsanwaltschaften, Verfassungsbestimmungen, Minderheitenrechte, parlamentarische Arbeit.

In ihrem Verständnis sind das Werkzeuge der Elite. Wenn das Volk homogen ist, braucht es auch keine komplexe Politik, die mit trade offs hantiert & diverse Interessen zusammenbringt. Ein einzelner Mensch kann das Interesse des Volks durchsetzen. Gerichte und Medien stören nur.

Diese Grafik zeigt, dass in immer mehr Ländern Populisten an der Macht sind. Sie hört 2018 auf, da sind in 16 von 60 beobachteten Ländern Populisten in der Regierung. Die 60 Länder stehen für 95 Prozent der Weltwirtschaft. Es betrifft vor allem entwickelte Volkswirtschaften.

Gibt es nicht andere Definitionen von Populismus? Ja, aber das ist die populärste von @Cas Mudde. Ich zitiere mit allem hier diese Übersichtsarbeit von @Sergei Guriev und @Elias Papaioannou. Sie haben vor 2 Jahren den Stand der Forschung zusammengefasst. Hier: aeaweb.org/articles?id=10…

Halten wir fest: Populismus ist eine Theorie der Gesellschaft, in der sich ein homogenes Volk gegen die Elite stellt. Er ist zuletzt erstarkt: Von 10-15 Prozent der Stimmen im Schnitt (2000) auf 25-30 Prozent (2018). Um ihn zu bekämpfen, müssen wir an die Ursachen ran. ⬇️

In den vergangenen Jahren ist die Literatur zum Thema explodiert. Es gibt zig, hunderte, Erklärungsversuche. Umso dankbarer bin ich für diesen Review, der die wichtigsten Arbeiten zusammenfasst und eine eigene Interpretation der Literatur anbietet. Let's dive into it.

GLOBALISIERUNG UND AUTOMATISIERUNG Populisten sind dort besonders stark, wo die Industrie stark zurückgegangen ist. Trump hatte dort besonders viele Stimmen, wo Jobs nach China outgesourced wurden oder wegen der Automatisierung verloren gegangen sind.

Die Industrie in den USA ist weiterhin sehr stark. Die Wertschöpfung hat sich zwischen den späten 1990ern und 2008 sogar verdoppelt. Aber gleichzeitig finden dort ein Drittel (!) weniger Menschen Arbeit.

Globalisierung und Automatisierung führen zu einer Polarisierung am Arbeitsmarkt. Es gibt substantielle Evidenz dafür, dass das zu einer Unzufriedenheit mit dem Status quo führt (no na). Wer es gerade scheiße findet, unterstützt eher Populisten. Das zeigte auch der Brexit.

FINANZ- UND WIRTSCHAFTSKRISEN Es ist eine alte Weisheit in den Politikwissenschaften: Wenn die Wirtschaft schlecht läuft, dann werden die Parteien an der Macht dafür abgestraft. Egal ob sie dafür verantwortlich sind oder nicht.

Die rechtsextreme Jobbik in Ungarn ist dort besser, wo mehr Menschen Fremdwährungskredite halten. Durch die Finanzkrise wurden die 2008 unleistbar. Auch die PiS, die in Polen die Demokratie abschafft, war 2015 dort stärker, wo viele Menschen Schweizer- Franken-Kredite hielten.

Durch wirtschaftliche Probleme sinkt das Vertrauen in die Politik. Das stärkt den Populismus. Es ist aber nicht klar, schreiben die beiden, warum linke Politik dadurch nicht gewinnt. Denn: Populismus ist nicht zwingend rechts, siehe Syriza in 🇬🇷 und viele Fälle in Lateinamerika

IDENTITÄT, STATUS, KULTUR Menschen ist ihre Identität, Fairness, Moral, Status und Gleichheit wichtig. Wenn sie das Gefühl haben, dass die politischen Eliten das vernachlässigen, könnte das den Populismus anfachen.

Ein Fakt ist: Gesellschaften haben sich in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert. Frauen gewannen an Macht, ethnische und religiöse Minderheiten bekamen mehr Unterstützung. Die Globalisierung hat nicht nur wirtschaftlich, sondern auch kulturell viel verändert.

Wenn sich die Macht neu verteilt, geht das selten ohne Konflikte einher. Die dominante Gruppe - weiße Männer - sieht zum Teil ihre Identität in Gefahr. Die beiden sind aber skeptisch: Kultur verändert sich per Definition nur langsam und ist sticky.

Es ist deshalb unklar, schreiben sie, warum kulturelle Faktoren jetzt plötzlich so stark wirken sollten. Die Vertreter dieser These sagen entweder: Kultur wirkt mit wirtschaftlichen Faktoren gemeinsam (+) Oder: Kultur wird durch wirtschaftliche Faktoren multipliziert. (x)

Kultur + Wirtschaft gemeinsam heißt: Langsame, kulturelle Veränderungen haben anti-liberale Werte gestärkt. Das Vertrauen in andere ist gesunken und der Nationalismus ist erstarkt. Wirtschaftliche Schocks haben das verstärkt, aber vergleichsweise eine kleinere Rolle.

Kultur x Wirtschaft heißt: Importe aus China verdrängen Jobs in den USA, das triggert Anti-Minderheiten-Backlash in der Region. Tatsächlich: Wo es mehr Importe aus China gibt, sind auch die Einstellungen ggü Asiaten und Muslimen negativer als anderswo.

Gegenüber Afroamerikanern gibt es in diesen Regionen interessanterweise keine negativeren Einstellungen als anderswo. Interessant auch: Dieser sogenannte "China Schock" tritt nur auf, wo die Mehrheit der Menschen weiß ist. Also: Kultur x Ökonomie überzeugt.

Die extreme Interpretation von Kultur multipliziert mit Ökonomie würde heißen, dass rein kulturelle Faktoren ohne wirtschaftliche Probleme nicht wirken können. Aber da spricht die Evidenz dagegen. Ein Beispiel dafür ist der Aufstieg der FPÖ in Österreich.

SOZIALES KAPITEL Wenn man weiß, ob jemand niedriges Vertrauen in andere Menschen hat, kann man gut vorhersagen, ob die Person in Frankreich für Le Pen stimmt. Darum ist Le Pen tendenziell gegen Umverteilung. Warum sollte man Leuten helfen, denen man nicht vertraut?

Die Wähler:innen von Melenchon sind bei Einkommen und Lebenszufriedenheit ähnlich niedrig wie die von Le Pen. Aber ihr Vertrauen in andere Menschen ist größer. Sie haben "high trust". Darum sind sie pro Umverteilung.

=== Der Mensch hat diverse Identitäten (Gender, Ethnie, Beruf, Religion, etc.), welche priorisiert wird, wechselt. Wenn ich beim Österreich-Spiel im Stadion bin, wird meine Identität als Österreicher gestärkt. Wenn ich bei einem Journalist:innen-Kongress bin, meine berufliche

Wirtschaftliche Faktoren können dazu beitragen, dass eine bestimmte Identität wichtiger wird. In Summe ist es plausibel wie Kultur auf Populismus wirkt und es ist klar, dass sie eine Rolle spielt. Kausale Evidenz ist aber schwierig, weil sich Kultur nicht so schnell verändert.

MIGRATION Es gibt viele Studien die den Zusammenhang zwischen Migration und Stimmen für rechte Parteien zeigen. Aber auch einige, die zeigen, dass dort, wo es mehr Flüchtlinge oder Migranten gibt, weniger rechts gewählt wird.

Was heißt das dann? Die Evidenz legt nahe, dass es stark um das Ausmaß an Migration geht. Die Kontakttheorie - also dass mehr Kontakt mit Fremden dazu führt, dass sie weniger fremd sind - hält nur bei kleinen Mengen an Migration. Kommen nur wenige, fördert Kontakt die Empathie

Bei einem größeren Ausmaß an Migration steigt die Sorge um Nicht-Integration und Probleme. Außerdem zeigt eine Studie: Hochqualifizierte Migranten machen Populismus schwächer. Wenn schlecht qualifizierte Menschen einwandern, stärkt das populistische Parteien.

INTERNET, SOCIAL MEDIA Der Ausbau von 3G in Italien, mit dem mit dem Handy sinnvoll online gehen kann, verlief in 🇮🇹 ungleichmäßig. Das nutzten Forscher:innen um zu schauen, ob mobiles Internet Populismus stärkt. Der Effekt war riesig.

Der 3G-Empfang stieg von 37% auf 90% (2007-18) und das führte zu 4.6% mehr Stimmen für rechte Populisten und 3.6% mehr für linke Populisten. Es gibt wachsende Evidenz dafür, dass Social Media durch Falschmeldungen, xenophobe Stereotype und Echokammern zu Populismus beitragen.

Auf Twitter verbreiten sich Falschmeldungen viel schneller als wahre. Auf Facebook wurden falsche Nachrichten, die Trump nutzten, 3x so viel geteilt wie jene, die Clinton nutzten. Eine Studie zeigt, 1 Monat ohne Facebook & die politische Polarisierung der Teilnehmer:innen sank

Populisten haben immer wieder zuerst neue Medien wirkungsvoll genutzt (siehe die NSDAP & das Radio). Es ist derzeit unklar, ob Social Media strukturell den Populismus stützen. Oder ob Populisten einfach die ersten waren, die sie nutzten. Siehe etwa die FPÖ in 🇦🇹.

Populistische Parteien haben einen Anreiz, neue Medien zu nutzen, weil sie sich meist von Mainstream-Medien ungerecht behandelt fühlen. Es kann aber genauso gut sein, dass das Design von Social Media Stereotype, Isolierung, Fake News und darum Anxiety und Sorgen verstärken.

🏁 🏁🏁 Du hast es ins Ziel geschafft! 🚩 Es gibt sehr gute Evidenz dafür, dass Populismus von langfristigen wirtschaftlichen Faktoren wie etwa der Automatisierung und Globalisierung angefacht werden.

🚩 Die Evidenz ist auch stark, dass kurzfristige Krisen den Populismus stärken durch den Jobverlust von vielen Menschen und sinkende Kreditvergabe und Austerität. 🚩 Es gibt wachsende Evidenz dafür, dass mobiles Internet und Social Media eine Hauptrolle spielen.

🚩 Kulturelle Argumente sind schwierig, weil sich Kultur nur langsam verändert und damit das rapide Wachstum des Populismus nur sehr schwer erklärbar ist. 🚩 Migration spielt auch eine Rolle beim Anfachen von Populismus, aber nur ab einer bestimmten Menge.

🚩🚩🚩 Der Konsens, der sich langsam bildet, aber noch weitere empirische Evidenz braucht: ⚡️ Wirtschaftliche Schocks haben zuvor existierende kulturelle Trennlinien aktiviert und die Polarisierung und Identitätspolitik (Mann! weiß! etc.) verstärkt. ⚡️

Welche Effekt haben Populisten in der Regierung? ⚡️ Der Brexit kostet 350 Mio. Pfund pro Woche, Löhne 📉, Inflation 📈 ⚡️ Mit Ausnahme von 🇵🇱 ist die Performance der von Populisten regierten Länder wirtschaftlich schlecher ⚡️ Stigma für Xenophobie fällt, Hassverbrechen 📈

Wie lässt sich der Populismus schächen? 🔹 Soziale Sicherungsnetze stärken 🔹 Korruption bekämpfen 🔹 Steuervermeidung durch Elite bekämpfen 🔹 Marktmacht von Konzernen beschränken 🔹 Mainstream-Parteien müssen Social Media lernen 🔹 & durchlässiger für andere Schichten werden

🔹 Partizipative Regierungsformen (Bürgerräte etc.) 🔹 Geografisch konzentrierte Politik, weil ökonomische Probleme geografisch ungleich verteilt sind 🏁 The end

Andreas Sator

@a_sator

Journalist, Podcaster, Autor • 🌱🌞🐮🚘 🏘️ bei Sonne & Stahl auf der Suche nach Lösungen • ✍️ @derStandardat • 🎧 Erklär mir die Welt • andreas.sator@gmail.com

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