Die Autorin ist als Historikerin bislang mit beeindruckenden Arbeiten zur Ukraine und zum Balkan hervorgetreten. Ihr neuestes Buch, eine Geschichte Russlands von 1900 bis zur Gegenwart, wäre mit „beeindruckend“ nur unzureichend beschrieben: Es ist ein exzellentes, sehr gut ge-
2/schriebenes, flüssig zu lesendes,mit vielen anschaulichen Beispielen versehenes,sehr gut komponiertes, der Chronologie folgendes Buch, das Fachleute ebenso zur Hand nehmen und daraus lernen können wie historisch Interessierte mit wenig Vorkenntnissen.
Der rote Faden, den Boeckh
3/verfolgt, ist die Frage, wie der russische und sowjetrussische Staat die Gesellschaft einhegte, unterdrückte, lahmlegte, letztlich verstaatlichte. Das wurde noch durch die Vertreibung Hunderttausender Menschen ins Ausland verstärkt. Boeckh beschreibt einen (sowjet)russischen
4/Staat, den man so in deutschen Publikationen deutscher Historiker nicht gerade häufig antrifft: als einen kompromisslos auf Gewalt gründenden, der Gewalt rücksichtslos anwendet, wann immer ihm das als nötig erscheint. Die Autorin verheddert sich auch nicht, wie es andere
5/Historiker gern tun, und sucht nach liberalen Phasen oder nach wohlmeinenden Ansätzen der Herrschenden, die der Gesellschaft Atempausen oder soziale Erholungsphasen gegeben hätten.
Die Etablierung der leninistischen Herrschaft schildert sie als blutrünstig mit hunderttausenden
6/Opfern, darunter tausenden gemeuchelten Priestern. Lenin erscheint bei ihr als das, was er war: ein auf ungeteilte Macht orientierter Diktator, der die Gesellschaft nach dem Ebenbild der „Partei neuen Typus“ militärisch formen wollte. Stalin konnte daran gut anknüpfen und
7/perfektionierte das Terrorsystem. Boeckh diskutiert nicht den von ihr auch verwendeten Begriff „Stalinismus“, ob er als Gegensatz zu „Leninismus“ überhaupt sinnvoll ist, was ich bestreite.
Die Nachkriegszeit offenbarte die ganze Niedertracht des sowjetischen Systems: Hundert-
8/tausende Kriegsversehrte wurden in eigens für sie errichtete Lagern weggesperrt, damit ihr Leid und ihre Not öffentlich nicht zu sehen war. Das konnte nicht verhindern, dass Millionen Menschen in der Sowjetunion in bitterster Armut lebten, ein Umstand, der sich in den 1990er
9/Jahre sogar noch einmal verschärfen sollte, wie die Autorin zeigt.
Auch die Jahre unter Chruschtschow oder Breschnew bleiben Jahre des gegen die Gesellschaft geführten Dauerkriegs. Die materiellen und sozialen Lebensbedingungen verbesserten sich kaum, Wohnraum war unfassbar
10/knapp und die „sozialistische Wartegemeinschaft“ gehörte überall zum Alltag.
Katrin Boeckh verfällt auch nicht wie in Deutschland üblich in „Gorbatschowmania“, sondern würdigt seine Versuche von Glasnost und Perestroika, zeigt aber zugleich deren Grenzen auf, weil Gorbatschow
11/eben nicht gewillt war, radikal mit dem Leninismus zu brechen, sondern im Gegenteil den Leninismus in Reinform, wie er meinte, mit Leben erfüllen, sprich den Kommunismus retten wollte. Sie geht auch auf die innersowjetischen Kämpfe um Unabhängigkeit ein und zeigt hier ansatz-
12/weise,wie der angebliche Friedensapostel Gorbatschow im Sowjetreich autonome Bestrebungen niederwalzen ließ und viele Tote dabei in Kauf nahm.
Während die Autorin Jelzin als mafiösen Kämpfer für das Eigene skizziert und zeigt, wie Russland in den 1990er Jahren in einen Strudel
13/unfassbarer Gewalt, Verelendung, Privatisierung und Verwahrlosung geriet, erscheint Jelzins Kreatur Putin zunächst wie der Retter, der Ordnung schaffen soll. Doch weitgefehlt: Putin macht dort weiter, wo die Vorgänger von Gorbatschow aufgehört hatten: er versucht sich an einem
14/neo-sowjetischen System, das nicht zuletzt darauf gründet, dass es keine Gesellschaft neben dem Staat gibt und dass zugleich die große Mehrheit der Menschen weithin gleichgültig gegenüber dem Treiben des Staats bleibt, was der neue Diktator mit einigen Sozialversprechen zu
15/würdigen weiß. Putin träumt von einer Restauration der Sowjetunion und tut alles dafür, das auch zu erreichen. Der Krieg gegen die Ukraine ist Teil dieses Konzepts.
Katrin Boeckh weist auf einen Umstand hin, der sehr gut veranschaulicht, warum Russlands Weg zur Demokratie auch
16/künftig so schwer oder gar unmöglich sein könnte: Zwar sind unter Gorbatschow mehrere Hunderttausend Opfer des Terrors rehabilitiert worden.Aber es fand keine strafrechtliche Aufarbeitung statt, kein Täter ist zur Rechenschaft gezogen worden. Russland ist ein Land mit Million-
17/en Opfer, aber ohne einen Täter. Auch die Täter, die selbst zu Opfern wurden – ein Wesensmerkmal des Terrors unter Stalin – sind rehabilitiert worden.
Das Buch entlässt seine Leser mit keiner beruhigenden Botschaft, mit keinem Ausblick, es könnte dereinst besser werden. Katrin
18/Boeckh unterschätzt in ihrem Buch die Ideologie (die kommt fast gar nicht mehr nach 1945 vor), auch die Rolle der Partei und der kommunistischen Massenorganisationen (auch die kommen kaum vor in der Zeit nach 1945) bleiben unterbelichtet, was auch auf Funktion und Bedeutung
19/von Militär, Polizei, Uniformen und Militarisierung in Staat und im Alltag zutrifft. Doch ungeachtet davon: Katrin Boeckh hat eines der besten Bücher über die sowjetrussische Geschichte geschrieben, die es auf Deutsch gibt. Dem Buch ist eine weite Verbreitung zu wünschen, es
20/sollte wirklich jeder zur Hand zu nehmen, der heute mitreden will, wenn es um Russland, Putin, die Ukraine und Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft geht. Erst das Wissen dieses Buches befähigt überhaupt zur sachgerechten Diskussion. Niemand kann sich herausreden,„das“ ja nicht
21/gewusst zu haben. Und wirklich jeder und jede kann dieses überaus exzellente Buch von Katrin Boeckh verstehen und verarbeiten. Dafür gebührt der Autorin tiefen Dank und allergrößten Respekt!
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