Sommeroffensive der Ukraine - Kriegsentscheidung noch in 2026?
Die seit 29.5. laufende Offensive gegen die RU Logistik in der Tiefe bis 200km hinter der Front ist nur ein Teil der Gesamtplanung einer strategischen Offensive, die im Idealfall die Befreiung der Krim und damit die Kriegsentscheidung bringen soll
Was wir bisher sehen
- seit Feb zunehmender UA Druck an der Front, der den RU allmählich die Initiative entwindet
- zunächst im Raum Donetzk Angriffe auf den Nachschub bis etwa 60km hinter der Front - vermutlich Testlauf für die Offensive ab 29.5.
- seit Apr massive Drohnenkampagne gegen Raffinerien und Pumpstationen, die derzeit bis zu 40% der Raffineriekapazität lahmlegt und seit einigen Tagen in weiten Bereichen von RU zu Treibstoffknappheit führt
- zugleich wird der Druck an der Front mit FPV-Drohnen nochmals verstärkt - entgegen dem langjährigen Trend steigen die Verluste bei Geschützen und Kfz Apr und Mai weiter an
- ab 29.5. massive Drohnenoffensive im Reichweitenband 30-200km entlang der gesamten Front, zunächst im besetzten Gebiet, wo mit Starlink eine nicht störbare Verbindung verfügbar ist. In den Folgetagen Feuerkontrolle über alle wichtigen Fernstraßen, auch der Bahnverkehr wird angegriffen
- zeitgleich nochmals eine Verstärkung der Drohnenangriffe an der Front, die die RU Personalverluste trotz der jahreszeitlich besseren Deckungs- und Tarnungsmöglichkeiten um 1/3 auf ein 14-Monats-Hoch treiben
- ab 4.6. Angriffe auf Treibstofflager O der Krim sowie Schiffe und Häfen am Asowschen Meer
- seit 6.6. werden die Angriffe in Belgorod mind. 80km tief in das RU Hinterland ausgeweitet
- 7.6. Angriff auf die wichtigste Straßenverbindung von N auf die Krim
Begleitet werden diese Offensivoperationen von Propaganda-Aktionen. Selenskis Erlaß, der die 9.-Mai-Parade "erlaubte", und der Offene Brief, der nochmals vorhersehbar vergeblich einen Waffenstillstand anbot, demonstrieren beide Selbstbewusstsein und schwächen Putins Stellung im Inneren, weil er dem nichts entgegensetzen kann. Auch die Angriffe auf St. Petersburg um das SPIEF herum gehören in die Abteilung Propaganda: dem RU Publikum wird die Schwäche seiner Führung demonstriert, die nicht einmal die größten Städte zu solchen Ereignissen schützen kann. Auch der militärisch eigentlich überflüssige Angriff auf Kronstadt passt dazu - die historische Flottenbasis der Zaren liegt ungeschützt. Der Unmut gerade der pro-Kriegs-Fraktion in RU wächst denn auch hörbar
Auch die de facto-Abriegelung der Krim für den Tourismus wird ihre Wirkung im Inneren nicht verfehlen, zumal Rückkehrer von leeren Tankstellen und Supermarktregalen berichten werden. Zusammen mit der Treibstoffknappheit in weiten Teilen des Landes wird das den innenpolitischen Druck absehbar erhöhen und die Zahl der Kriegsbefürworter schrumpfen lassen
Die Ziele der UA gehen jedoch erkennbar weit darüber hinaus. Die systematische "Belagerung" der gesamten Front, die va im Süden, wo es keine direkten Verbindungen von der Kampfzone ins RU Hinterland gibt und die Nachschubwege entsprechend stärker exponiert sind, wird die Kampffähigkeit der Truppe einschränken. Verluste oberhalb der Rekrutierungsquote und die Bindung von Kräften für den notdürftigen Schutz der Nachschubstrecken durch mobile Fla-Trupps und zusätzliche Drohnenbeobachter auf den Fahrzeugen werden ein Übriges tun, um die Front zu schwächen. Im Prinzip handelt es sich um eine stark vergrößerte Version des Cherson-Dilemmas der RU von 2022 - man hält mit relativ starken Kräften ein Gebiet, das die UA nicht zu stürmen vermögen, und kann es wegen fehlender Logistik doch nicht halten
Denn eine große Durchbruchsschlacht wird es nicht geben; die dafür nötigen starken gepanzerten Kräfte würden schon im Bereitsstellungsraum erkannt und spätestens beim Vorrücken in die Ausgangsstellungen mit FPV-Drohnen massiv angegriffen. Örtlich begrenzte Angriffe wurden jedoch bereits erfolgreich geprobt in den letzten Monaten; Einbrüche bis zu 20km Breite und 10km Tiefe innerhalb weniger Tage sind offenbar möglich. Im Idealfall führt das - zusammen mit der immer schlechteren Versorgung der Front - zu einer Situation wie im Sommer 1918 an der Westfront. Operativ war der alliierte Sieg bei Amiens am 8.8. nicht sonderlich bedeutend, psychologisch war den Deutschen jedoch das Rückgrat gebrochen und man musste zunehmend Gelände aufgeben, bis zur schließlichen Kapitulation am 9.11.
Die zunehmende Isolierung der Krim auch von den besetzten Gebieten in der Südukraine weist auf das eigentliche Ziel der Offensive, die Befreiung der Krim - ein Erfolg, der den Krieg entscheiden würde. Ein direkter Angriff ist dabei auszuschließen; der UA fehlen sämtliche Fähigkeiten dazu, sowohl amphibisch als auch die Luftüberlegenheit. Ein realistischeres Szenario ist jedoch zunehmende Partisanentätigkeit - Atesch ist seit Jahren gut organisiert und anscheinend bisher von den RU nicht unterwandert - plus SOF-Unternehmungen, wie es sie vereinzelt schon früher gab, sowohl auf der Krim als auch O des Dnipro bis Melitopol, mit der man örtliche Erfolge erzielt und va RU Frontverbände bindet.
Die ohnehin am stärksten exponierte Front bei Cherson, die vom Nachschub schon jetzt weitgehend abgeschnitten sein sollte, wird dadurch weiter geschwächt, so dass UA Vorstöße aus den kleinen Brückenköpfen zunehmend möglich werden. Selbst ein räumlich beschränkter Kollaps der RU könnte dann bereits eine Befreiung von Teilen der Südukraine, die Verbindung mit den Partisanen auf der Krim und so den Fall der gesamten Halbinsel nach sich ziehen. Minimalziel dabei wäre Melitopol, um auf der Krim nicht unmittelbar in die gleiche Situation zu geraten wie jetzt die RU, dass Drohnen eine geordnete Versorgung unterbinden können. Wahrscheinlicher wäre allerdings, dass bei solch einem Verlauf die gesamte Südfront zusammenbricht und mindestens Berdjansk erreicht wird
Voraussetzung für einen so weitreichenden Erfolg ist allerdings, dass die UA die Luftoffensive gegen die RU Logistik fortsetzen und möglichst noch ausbauen kann. In Frage kommt zB ein massiver Schlag gegen den Eisenbahnverkehr in Südrussland; die Angriffe vor einem Jahr auf die Umspannstationen könnten ein Testlauf dafür gewesen sein, den man zeitlich verdichtet mit mehr und schwereren Drohnen wiederholen könnte. Ein zeitweiliger Zusammenbruch des Bahnverkehrs würde die logistische Situation der RU dramatisch verschärfen
Um die Krim per Belagerung nehmen zu können, ist irgendwann in näherer Zukunft auch die Zerstörung der Kertsch-Brücke unvermeidlich; ein erster Versuch mit Neptun soll angeblich letzte Nacht unternommen worden sein. Wahrscheinlicher ist mE, dass man abwartet bis die RU in ihrer Not wieder Treibstoffzüge über die Eisenbahnbrücke schicken - ein durch Drohnentreffer brennender Tankwaggon dürfte mehr bewirken als ein Treffer mit Neptun
Gleichzeitig behindern die Angriffe auf die Logistik der anderen Frontabschnitte sowohl die Verlegung von Verstärkungen in den Süden als auch größere Entlastungsangriffe
Selbstverständlich ist ein voller Erfolg keineswegs gesichert; viel hängt davon ab, wie lange die RU brauchen, um die derzeitige Überlegenheit der UA im Drohnenkrieg zu kontern; am ehesten indem sie ihrerseits ausreichende Fähigkeiten im Bereich bis 150km aufbauen, um so den UA Nachschub nachhaltig bekämpfen zu können. Der Vorteil dieses Szenarios ist allerdings, dass bereits Teilerfolge wertvoll sind. Schon jetzt ist die Verunsicherung der RU Gesellschaft ein Gewinn; sollte es zB nur gelingen, die Südfront um 20km nach S zu verschieben, wäre das bereits ein Sieg, zeigte es doch, dass das langsame Vordringen der RU kein Naturgesetz ist. Eine Befreiung der Krim und weiter Teile der Südukraine wäre zwar vermutlich nicht gleichbedeutend mit einem Ende der Kämpfe, aber der Krieg wäre damit zugunsten der UA entschieden - man hätte seit 2022 zwar mittlerweile völlig kriegsverwüstete Teile des Donbas verloren, aber die Krim zurückgewonnen. Ein erneuter RU Vormarsch größeren Maßstabs wäre dann sehr viel unwahrscheinlicher als der Sturz Putins und der Versuch der neuen Machthaber, einen völligen Zusammenbruch zu verhindern und wenigstens Teile der Beute im Donbass zu retten durch einen schnellen Waffenstillstand
Das derzeitige Fenster der Gelegenheit muss der GSUA auf jeden Fall auszunutzen trachten, es wird sich auf die eine oder andere Art spätestens in einem halben Jahr wieder schließen - länger dürfte es nicht dauern, bis RU die Mittel entwickelt hat, um in eine Pattsituation zurückzukommen - ob sich seine Pläne entlang der hier vermuteten Linien orientieren, wird man sehen