Liman und die russische Donetzk-Operation 2026
Das russische Ziel für dieses Jahr war früh bekann: der Rest der Oblast Donetzk sollte auf Putins Befehl möglichst bis Ende 2026 erobert sein. Die Operationsplanung sah deshalb sehr wahrscheinlich eine Zangenbewegung um den frontal kaum zu erstürmenden Gürtel befestigter Städte von Slowjansk bis Druschkiwka vor, bei der auf dem linken Flügel, ausgehend von Pokrowsk, ein Vorstoß entlang der Bahnlinie nach Barwinkowe vorgesehen war, auf dem rechten bis zur Verbindungsstraße Slowjansk-Isjum; die letzte wichtige Nachschubstrecke Barwinkowe-Slowjansk wäre damit in Reichweite der FPV-Drohnen.
Vorgesehen war also eine größer angelegte Version dessen, was zuletzt in Pokrowsk und derzeit in Kostjantiniwka zu sehen ist: die Flankierung befestigter Ortschaften, um sie dann von drei Seiten stürmen zu können, während der Nachschub mit Drohnen unterbunden wird. Kurz: eine seit 2023 und der Schlacht um Bachmut bekannte russische Taktik, verlustreich, aber auf die Dauer erfolgreich, solange der Feind rein defensiv kämpft.
Was beim Blick auf die Karte deutlich wird: Voraussetzung für die Umsetzung war die Einnahme von Liman; nördlich an der Stadt vorbei vorzustoßen wäre der sichere Weg in ein Debakel gewesen, mit dutzende Kilometer langen Nachschubwegen, die in dem schmalen Keil von beiden Seiten mit FPV-Drohnen und selbst Artillerie problemlos anzugreifen wären
Die Karte zeigt, dass die Umsetzung dieses Plans bis Mitte Mai nicht sehr weit gediehen war: bei Pokrowsk liegen die Russen seit Monaten fast unbewegt fest, der Angriff auf Liman konnte immerhin kleinere Fortschritte verzeichnen, nur im operativ relativ unwichtigen Zentrum gab es gewisse Geländegewinne; allein bei Kostjantiniwka war man einem Erfolg näher gekommen. Eine an sich naheliegende Reduzierung des Plans auf einen weniger ambitionierten Stoß im Süden, der Druschkiwka direkt flankiert hätte, scheint bisher nicht ins Auge gefasst zu sein, denn in diese Richtung gab es kaum Angriffsbemühungen. Allerdings hätte auch diese Variante die Einnahme von Liman zur Voraussetzung
Der russische Angriff auf Liman hatte bereits im Sommer 2025 begonnen, als man langsam die beiden flankierenden Frontbögen aufbaute. Zum Jahresbeginn 2026 war dann die Ausgangsstellung für den Sturm auf die Stadt erreicht
Der übliche Angriff von drei Seiten brachte allerdings nur begrenzte Erfolge; man konnte die Grauzone lediglich bis an den Stadtrand ausdehnen, nur im Süden vereinzelt in das bebaute Gebiet eindringen, im April bei Pryschub mit kleinen Trupps den Siwerski Donez überschreiten. Der Grund war vermutlich sich versteifender UA Widerstand, durfte die Stadt doch wegen ihrer Bedeutung für die russische Operationsplanung möglichst nicht verloren gehen
Spätestens nach dem erfolgreichen Angriff NO Huljaipole im Februar und dem schnellen Scheitern der russischen Frühjahrsoffensive Mitte März dürfte der ukrainischen Führung klar geworden sein, dass der Moment näher rückte, zu dem man auch an einem für die russische Planung zentralen Frontabschnitt die Initiative übernehmen könnte. Hierfür bot sich Liman geradezu an: eine vergleichsweise exponierte russische Stellung, kombiniert mit der Bedeutung für den russischen Plan, während gleichzeitig auf dem anderen Flügel der russische Angriff nicht vorankam.
Um den 15.5. begannen dann erste ukrainische Angriffe, zunächst auf der Südflanke des tiefen russischen Einbruchs - scheinbar sinnlos, da sie den vom Feind umschlossenen Frontbogen noch vertieften, aber sie verengten den russischen Nachschubkorridor und erreichten im Osten die Stauseenkette des Scherebez
Ab dem 23.5. wurde vor allem von Nordwesten aus angegriffen, teils mit mechanisierten Kräften, die erste Einbrüche erzielten; vor einigen Tagen dann die Meldungen russischer Milblogger über größere ukrainische Geländegewinne, bisher nicht videobelegt, aber selbst auf der meist aus russischer Sicht überoptimistischen Karte von Rybar berücksichtigt
Auch das überarbeitete Kartenbild ist deshalb wahrscheinlich noch hinter der Lage zurück; die Balken bezeichnen den Rand des maximalen russisch kontrollierten Gebietes, in dem verlorenen Gelände ist allerdings noch mit versprengten Gruppen und auch Versuchen, die Ukrainer wieder zu verdrängen zu rechnen, die Säuberung der Ortschaften kann noch Wochen dauern
Der ukrainische Vorstoß auf dem Plateau um Selena Dolina dürfte zum Verlust des gesamten Gebietes südlich und südwestlich davon führen, weil geordneter Nachschub wegen der Drohnen kaum noch möglich ist; die Russen können wahrscheinlich lediglich versuchen, jenseits des Tälchens östlich davon eine neue Verteiddigungsposition zu beziehen
Interessant ist auch die Entwicklung östlich von Liman. Saritschne und der Bereich westlich davon werden bei anderen Kartierern bereits als Grauzone geführt, die Tagesberichte des GSUA für die letzten beiden Tage deuten sogar auf ukrainische Kräfte weiter östlich in der kleinen Siedlung Torske, denn dort wurden für beide Tage russische Gegenangriffe gemeldet. Offenbar wird versucht, zumindest das Westufer des Scherebez zu sichern, vermutlich bis mindestens Jampil (ob dort noch ukrainische Kräfte stehen wie kartiert, ist zweifelhaft; Kämpfe wurden zuletzt nicht mehr gemeldet), und auch bis mindestens zum Nordende der Stauseen dürfte diese neue Stellung angestrebt werden
Sollte die laufende ukrainische Operation ihre vermuteten Ziele erreichen, wäre das der erste Sieg in einer Schlacht um eine von den Russen mit der Taktik der beidseitigen Flankierung und anschließenden Zerstörung mit massivem Beschuß angegriffene Stadt und darüber hinaus das Scheitern des russischen Operationsplans für 2026
Den Russen verbliebe dann allenfalls der Versuch, Druschkiwka von Süden zu flankieren und die Festungskette so Stadt für Stadt aufzurollen, denn der Versuch eines frontalen Durchbruchs wäre extrem verlustreich, bei geringen Erfolgsaussichten. Solange die Ukrainer ihre Stellungen nordöstlich von Pokrowsk halten, wird auch das allerdings schwierig bis unmöglich.
Der absehbare Sieg bei Liman sichert also die ukrainische Position in der Oblast Donetzk; ein neuer russischer Angriff setzt zunächst einen neuen Anlauf in Richtung Liman voraus, nachdem der erste nach fast einem Jahr auf eine ähnliche Position wie zum Beginn zurückgeworfen wurden.
Was die Karte ebenfalls zeigt: so wichtig die erfolgreiche Verteidigung von Liman für die Gesamtlage ist, so unwesentlich ist Kostjantiniwka. Der absehbare Verlust der Stadt ermöglicht den Russen lediglich, im Frontalangriff weiter auf die Festungskette vorzurücken, was lediglich einige Quadratkilometer Gelände, aber keine echten Vorteile bringt