Ukraine: Kriegsentscheidung noch in 2026? - Teil 3: Operationsplanung
Hier geht es um die militärischen Möglichkeiten, die Krim zu befreien
1. Räumliche und logistische Rahmenbedingungen
2. mögliche Angriffsachsen
3. so könnte der Plan aussehen
1. Räumliche und logistische Rahmenbedingungen
Durch die russische Besetzung des gesamten linken Ufers des Dnipro-Unterlaufs hat die Ukraine nicht nur keinen direkten Landzugang zur Krim, sie kann die Halbinsel auch nur auf dem relative langen Seeweg von Odessa erreichen. Eine Landung auf der Krim ohne sonstige Geländegewinne scheidet damit aus. Nicht allein, weil die Ukraine nicht ansatzweise über die notwendigen amphibischen Fähigkeiten für solch eine Operation verfügt, sondern auch wegen der anschließenden logistischen Probleme, die selbst eine (rein hypothetische) kampflose Übergabe durch die russischen Kommandeure nicht lösen würde. Ohne Kontrolle über die Landzugänge wäre die Lage der Ukrainer sofort noch schlechter als die der Russen jetzt; für eine relativ kleine Befreiungstruppe wäre die Logistik vielleicht machbar, aber nicht für die Zivilbevölkerung, zumal mit Treibstoff, denn eine Versorgung über See könnten die Russen mit massiven Schlägen gegen die Hafeninfrastruktur weitgehend unterbinden.
Jeder Operationsplan muss deshalb zunächst die logistischen Möglichkeiten betrachten.
Der einzige echte Landzugang ist der Isthmus von Perekop südlich Armjansk, mit minimal nur 9 km Breite, ansonsten stehen von Norden nur die beiden schwer beschädigten Brücken bei Tschongar und Henitschesk zur Verfügung - was jetzt die Isolierung der Krim erleichtert, erschwert später den Nachschub
Noch kritischer sind allerdings die Strecken, die aus ukrainisch kontrolliertem Gebiet dorthin führen. Eisenbahn scheidet ganz aus - die Verbindung nach Cherson ist durch die zerstörte Dnipro-Brücke verloren, Richtung Saporischje gibt es keine durchgehende Bahnverbindung, dazwischen ohnehin wegen des einstigen Stausees weder Bahn noch Straße
Zwei Hauptstraßen führen zur Krim: Cherson-Armjansk und Saporischje-Melitopol-Tschongar. Allenfalls die Strecke Nowa Kachowka-Henitschesk kommt noch für größere Nachschubmengen in Frage, wobei sowohl bei Nowa Kachowka als auch bei Cherson Pontonbrücken den Verkehr aufnehmen müssten, vielleicht ergänzt durch etwas Fährverkehr. Sowohl diese Brücken als auch die Straßen müssten ausreichend gegen Drohnen geschützt sein - sonst wäre man selbst bei physischer Kontrolle aller drei Strecken sofort in der gleichen Lage wie jetzt die Russen
Diese Gegebenheiten diktieren weitgehend, wie eine Operationsplanung aussehen könnte - eine Befreiung zunächst von Cherson und Teilen der Oblast Saporischje muss am Anfang stehen
2. mögliche Angriffsachsen
a) Durchbruchsschlacht aufs Asowsche Meer
In den Bahnen des Bewegungskrieges gedacht, wie man ihn aus der Zeit 1939 (Angriff auf Polen) bis 2023 (Durchbruchsversuch südliche Orichiw) kennt, drängt sich scheinbar eine weiträumige Operation auf, die von N her das Asowsche Meer bei Berdjansk oder gar Mariupol erreicht, den Großteil der russischen Kräfte in der Südukraine abschneidet und so letztlich zur Kapitulation mangels Nachschub zwingt. Damit wäre auch die Straße Saporischje-Melitopol gegen FPV-Drohnen üblicher Reichweite gesichert. Die dritte Alternative, ein Durchbruch von Norden nach Melitopol, wäre aus diesem Grund nicht besonders sinnvoll, bzw. er würde dann zusätzlich einen Angriff nach O erfordern
Das würde allerdings einen Durchbruch von 120 km (Mariupol) bzw. 100 km Tiefe erfordern - Luftlinie, wohlgemerkt. Den Aufmarsch dafür geheim halten zu wollen ist in Zeiten des Drohnenkriegs illusorisch - selbst bei der optimistischen Annahme, mit nur 2 mech. Brigaden (ca. 200 PzFz) durchstoßen zu können, braucht es eher eine vierstellige Zahl an Fahrzeugen, wegen der Fla (es müssten einige der Geparden mitfahren), der Artillerie und der nachrückenden Verbände, die die insgesamt 200-250 km langen Flanken sichern und zu diesem Zweck den Einbruch ausweiten müssten - Tokmak z.B. sollte bei allen drei Varianten genommen werden. Aber auch die Nachschubfz dürfen nicht vergessen werden - bei dieser Strecke, teils im Gefecht zurückgelegt, müssen zB PzFz nachgetankt werden, Munition muss nachgeführt werden etc.. Selbst bei weit dislozierter Bereitstellung - zu weit darf es ja auch nicht sein - würde eine solche Konzentration entdeckt und spätestens beim Anmarsch zur geplanten Durchbruchsstelle massiv bekämpft werden, nach erfolgtem Durchbruch von den Flanken her weiter mit Drohnen und Artillerie, vermutlich auch Erdkampfflugzeugen angegriffen.
Nicht umsonst haben die Russen nach dem Scheitern ihrer massierten Durchbruchsversuche bei Awdijiwka im Herbst 2023, die ihnen teils dreistellige Tagesverluste an PzFz beschert haben, von solchen Unternehmungen seither Abstand genommen. Eine derartige Operation hätte nur dann Aussicht auf Erfolg, wenn die Russen ohnehin schon im Zusammenbrechen, starker Widerstand also nicht mehr zu erwarten wäre
Es wäre zudem ein Szenario, das ein gewisses Restrisiko des Einsatzes atomarer Gefechtsfeldwaffen (taktischer Atomwaffen) durch die Russen beinhaltet - solche Durchbrüche zu stoppen gehört zum originären Einsatzzweck, und wenn ein einzelner ukrainischer Schlag die Niederlage zu bringen droht, könnte Putin versucht sein, zu diesem Mittel zu greifen
b) Erzwingen des Übergangs über den Dnipro
Im Grunde nur eine Variante von a), nur unter erschwerten Bedingungen: Angriff über den Fluß hinweg, nach Etablierung erster Brückenköpfe Bau von Pontonbrücken, dann Ausbruch aus den Brückenköpfen.
Gegen massiven Einsatz von FPV-Drohnen und Aritillerie, vermutlich auch ballistischen Raketen auf die Brücken und nicht zu vergessen Lenkbomben und Erdkampfflugzeugen wahrscheinlich nur unter hohen Verllusten realisierbar, der Erfolg noch ungewisser als bei a)
Die beiden "klassischen" Optionen scheiden also eher aus - relativ hohes Risiko, und im Falle des Scheiterns absehbar hohe Verluste, ggf ein verlustreicher Rückzug auf die Ausgangsstellungen
c) Aushungern der russischen Frontverbände, dann Angriff eigener Kräfte
Das allem Anschein nach vom GSUA favorisierte Modell. Methodisches Zerstören des Nachschubs, intensiver Einsatz von FPV-Drohnen gegen die feindliche Infanterie und Artillerie, wie es die vom GSUA gemeldeten russischen Verluste der letzten Wochen erkennen lassen. Nach ausreichender Schwächung der Russen dann zunehmendes Einsickern eigener Kräfte, soweit möglich in Zusammenarbeit mit Partisanen, völlige Unterbrechung des RU Nachschubs und schließlich Abzug ("Zeichen des guten Willens"), alternativ Aufgabe vieler russischer Soldaten, Säuberung der tiefen Grauzone, dann Nachziehen stärkerer Kräfte, zur Sicherung und Ausweitung der Gewinne.
Vorteil der Methode ist der zunächst geringe Einsatz eigener Infanterie, der die Verluste minimiert, insbesondere bei einem Scheitern der Unternehmung. Nachteil ist die schlechte zeitliche Planbarkeit - es ist nicht genau absehbar, wann der Feind so geschwächt ist, dass er in dem vorgesehenen Angriffsabschnitt kollabiert
Die allgemeine Jagd auf Nachschubfz bis 200km Tiefe lässt zwar noch keine Rückschlüsse zu, wo dieser schleichende Angriff erfolgen soll, er lässt sich aber aufgrund der allgemeinen Lage und einer Reihe von Angriffen auf Brücken mit einiger Wahrscheinlichkeit lokalisieren: am Unterlauf des Dnipro
- der am stärksten exponierte Frontabschnitt, leicht zu isolieren, mit nur zwei großen Straßen die hinführen
- die nördliche bei Nowa Kachowka liegt im Bereich normaler FPV-Drohnen
- die südliche von Armjansk hängt zumindest teilweise an der Krim, die ihrerseits isoliert wird
- selbst Nebenstraßen lassen sich leicht unterbrechen, durch Zerstörung der über den Nord-Krim-Kanal führenden Brücken
Da Zeit ein kritischer Faktor sein dürfte - die Russen werden den technischen Vorsprung der Ukraine bei den Drohnen innerhalb der nächsten Monate vermutlich aufholen - ist der Versuch, die unter a) aufgeführten Durchbruchsvarianten in dieser langsameren Weise durchzuführen, unwahrscheinlich. Zudem fallen die logistischen Nachteile der Russen dort erheblich geringer aus, Verstärkungen könnten womöglich rechtzeitig dorthin verlegt werden
Grundsätzlich hat der GSUA also die Wahl zwischen einem "klassischen" Operationsplan, der mit hohem Risiko die (mE kleine) Chance auf einen schnellen Erfolg bietet, und einem "modernen" auf Taktiken der letzten 2 Jahre beruhenden, der auf einen nach ausreichender Zermürbung erfolgenden Zusammenbruch des russischen Widerstandes im angegriffenen Frontabschnitt setzt, bei geringem Verlustrisiko aber die Gefahr in sich birgt, dass die russischen Kräfte zu lange durchhalten; ich vermute, dass man sich - auch wegen der Erfahrungen aus dem Sommer 2023 - für letzteren entschieden hat
3. So könnte der Plan aussehen
Einen Fingerzeig gaben die Angriffe auf einige Brücken über den Nord-Krim-Kanal in Armjansk und NW davon sowie die Aussage des Gauleiters von Cherson, dass Schwerpunkte der ukrainischen Angriffe auf die Logistik im Raum Askania Nova (NÖ von Armjansk, dort führt eine Umgehungsstraße durch, über die die Hauptstraße Armjansk-Cherson erreicht werden kann) und Skadowsk (wo die Nebenstraße nach Hola Pristan durchführt). Zwei bisher nicht angegriffene Brücken (in der Karte grün eingekreist) sind zentral für die Logistik westlich des Kanals, mit ihrer Zerstörung wären beide Hauptstraßen unterbrochen. Zu vermuten ist zwar, dass die Russen bereits an Erddämmen als Ersatz arbeiten, dennoch entstünden dort Engstellen, die die Bekämpfung des Nachschubs erleichtern
Die logistische Situation in diesem geographisch exponierten Bereich dürfte schon länger angespannt sein, zudem wurden immer wieder völlig abgekämpfte Verbände zur Auffüllung und Erholung dorthin geschickt, die Einsatzbereitschaft der Truppen dürfte also unterdurchschnittlich sein. Nachschub dürfte mittlerweile kaum noch so weit nach Westen gelangen, sprengt man die verbleibenden Brücken und verstärkt Drohnenpatrouillen entlang dem Kanal, dürfte das Wenige auch noch ausbleiben
Phase 1: Vorbereitung
Von den Brückenköpfen an der Antoniwski-Brücke bei Cherson und auf den Inseln im Delta, aber auch über See infiltrieren ukrainische SOF das Hinterland und verbinden sich mit noch vorhandenen Partisanenzellen. Diese Kräfte können die russischen Einheiten voneinander isolieren.
Notwendig ist zudem die Ausschaltung der russischen Drohnenpiloten. Passend gab es in den letzten Tagen Meldungen, dass zwei namentlich bekannte Kommandeure der Einheiten, die in Cherson auf Menschenjagd sind, eliminiert wurden
Die Meldung vorgestern über vier auf der Krim getroffene Radare von S-300/400-Batterien könnte anzeigen, dass auch der Einsatz von Kampfflugzeugen vorgesehen ist; Lenkbomben wären ein probates Mittel, um die verbliebenen Brücken zu sprengen
Phase 2: Beginn des Angriffs
SOF und Partisanen sowie FPV-Operateure greifen isolierte russische Stellungen bis zum Kanal an und schalten verbliebene russische Drohnenoperateure aus. Mittelstreckendrohnen und Jets bombardieren die russischen Nachschubstrecken jenseits des Kanals massiv
Im Idealfall erkennt an dieser Stelle ein russischer Kommandeur, dass die Stellungen nicht zu halten sind und befiehlt den Rückzug hinter den Nord-Krim-Kanal, andernfalls muss man die voneinander isolierten russischen Positionen schrittweise ausräumen. Es sollte auch bereits möglich sein, Verstärkung und Nachschub in Booten über den Dnipro zu bringen.
An diesem Punkt kann das Unternehmen scheitern: wenn die Kampfkraft und Kampfmoral der Russen unerwartet hoch sein sollte, wird ein schneller Erfolg zumindest schwierig
Sind die Drohneneinheiten sämtlich aus dem Gebiet vertrieben, werden Pontonbrücken gebaut
Phase 3: Angriff mit stärkeren Kräften
Kommt es zu dem erwarteten Zusammenbruch des russischen Widerstandes westlich des Kanals, untergräbt das die Kampfmoral insgesamt; ein entschlossener Stoß auf Armjansk und anschließend über den Kanal mit leichten schnellen Kräften ähnlich der Kursk-Operation dürfte daher erfolgversprechend sein. Ziel: Zusammenbruch der russischen Front in der gesamten Oblast Cherson, Vorstoß mindestens bis Berdjansk, um die Straße Saporischje-Melitopol außer Reichweite von FPV-Drohnen zu bekommen
Erst danach, wenn der Landweg für die Russen blockiert ist, die eigenen Nachschublinien gesichert sind, ist die Befreiung der Krim realistisch, wieder eingeleitet durch Partisanen- und SOF-Aktivität. Ein Sturm gegen noch kampfbereite russische Truppen über den Isthmus von Perekop wäre allerdings schwierig wegen des sehr engen Zugangs - aber das Ausgangsszenario ist ja, dass die Krim derart isoliert ist, dass den Besatzern nur Flucht nach Osten oder Kapitulation bleibt mangels Nachschub
An dieser Stelle könnte auch ein Angriff mechanisierter Kräfte wie unter 2a) skizziert den Ablauf beschleunigen, weil er die in der Südukraine verbliebenen bereits angeschlagenenen russischen Kräfte abzuschneiden droht; das Ergebnis wäre im Idealfall der völlige Zusammenbruch der Front. Insofern könnte der begrenzten ukrainischen Offensive NW von Huljaipole eine gewisse Bedeutung im Plan zukommen, aber das wäre eine separate Betrachtung wert
Das gesamte Szenario läuft auf ein stark vergrößertes Cherson 2.0 hinaus; 2022 hatte eine ähnlich aussichtslose logistische Situation zum Rückzug der Russen vom rechten Dnipro-Ufer geführt, hier würde es im Erfolgsfalle zur Flucht oder Kapitulation der Russen aus der gesamten Südukraine und von der Krim führen. Aber auch die Schaffung nur eines Brückenkopfes bei Cherson wäre bereits ein Erfolg, wenn er ausreichend groß ist um Pontonbrücken einigermaßen schützen zu können
Um die unvermeidliche Frage zu beantworten, wie groß die Erfolgsaussischten sind:
schwer zu beurteilen, zumal es von der russischen Moral abhängt, aber das Chance/Risiko-Verhältnis ist extrem günstig, weil ein vollständiges Scheitern unter hohen Verlusten fast ausgeschlossen ist. Selbst wenn der GSUA einen vollen Erfolg zu unter 50% für wahrscheinlich hält - dass die Voraussetzungen nächstes Jahr besser werden, ist unwahrscheinlich, also muss man jetzt die Gelegenheit nutzen und den Versuch starten.