Russlands geheimes Massenvernichtungsprogramm: Khodorkowskis Dossier Center hat recherchiert, wie der Kreml im Verborgenen an neuen chemischen und biologischen Waffen forscht und dabei Projekte betreibt, die alle Vorwürfe Russlands gegen den Westen von Biowaffenlaboren um Lichtjahre in ihrer Gefährlichkeit übertreffen.
Das 27. Wissenschaftliche Zentrum in Moskau fungiert als oberste Leit- und Experteninstanz für die chemische und biologische Sicherheit des Verteidigungsministeriums und koordiniert die geheime Arbeit anderer Militär- und Forschungseinrichtungen.
Die Labore wurden Anfang der 2020er Jahre für Hunderte Millionen Rubel modernisiert und ermöglichen die Synthese hochreiner Verbindungen, die Mikroverkapselung von Giften zur Stabilisierung und Umgehung von Gasmaskenfiltern sowie Inhalationsstudien an Tieren.
Im Bereich der biologischen Waffen forscht das 48. Zentrale Forschungsinstitut im Militärstädtchen 19 in Jekaterinburg. Dieser Ort ist historisch für den verheerenden Milzbrand-Ausbruch im Jahr 1979 nach einem Filterdefekt in der sowjetischen Biowaffenanlage Sverdlovsk-19 bekannt. Zu den aktuellen Aktivitäten gehören die Entwicklung und Lagerung gefährlicher Erreger, darunter antibiotikaresistente Milzbrandstämme, Pilzinfektionen und Phytopathogene. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf sogenannten molekularen Waffen, bei denen genetisch modifizierte Bioregulatoren wie Peptide entwickelt werden. Diese Stoffe greifen in körpereigene Prozesse ein, um die Psyche, Konzentration oder Koordination von Zielpersonen unbemerkt zu manipulieren. Die Tests dieser Inkapazitantien erfolgen mittels Aerosolsprühanlagen an Tieren.
Die chemischen Waffenprogramme sind im 33. Zentralen Forschungsinstitut und dem Institut GosNIIOKhT in Schichany angesiedelt. Schichany ist die historische Geburtsstätte von Kampfstoffen der Nowitschok-Klasse. Trotz der offiziellen Vernichtung der Bestände stieg das Produktionsvolumen von Militärgütern wie konventionellen Brandmischungen, Thermit und Nebelgranaten zwischen 2018 und 2020 massiv an. In Zusammenarbeit mit anderen Instituten wurde zudem die chemische Handgranate RG-Vo entwickelt, die mit CS-Gas befüllt ist und im Krieg gegen die Ukraine eingesetzt wird, um Soldaten aus der Deckung zu treiben. In neu ausgestatteten Laborkomplexen, insbesondere im Gebäude 19, wird an der Synthese neuer toxischer Verbindungen der Substanzklasse MTX geforscht. Inhalationskammern testen die letale Wirkung von Aerosolen an Ratten und Hunden.
Die Modernisierung der Labore basierte maßgeblich auf dual-use-Technologien und westlicher Ausrüstung. Trotz internationaler Sanktionen gelangten hochmoderne Laborgeräte westlicher Firmen, darunter Chromatographen, NMR-Spektrometer und Bioreaktoren aus Großbritannien, der Schweiz, Italien und Deutschland, über russische Tarnfirmen wie SBS LLC oder als Beschaffungen für zivile Universitäten in die geheimen Militärlabore.
Eine besondere Rolle nimmt das Signal-Forschungsinstitut in Moskau ein, das eine Schnittstelle zwischen Nowitschok-Forschung und Olympia-Doping bildet. Das Institut beschäftigt Spezialisten, die mit den Programmen in Schichany verknüpft sind, tarnt sich nach außen hin jedoch mit dem Vertrieb von Nahrungsergänzungsmitteln und Sportlernahrung. Die Forschung an Mitteln zur Steigerung der Ausdauer, Stressresistenz und Regeneration von Soldaten nutzte den Hochleistungssport als Testmodell. Führungskräfte des Instituts waren bei den Olympischen Spielen 2014 in Sotschi offiziell akkreditiert und empfahlen russischen Nationalteams im Skifahren, Eiskunstlauf und Biathlon Substanzen wie das später verbotene Meldonium oder Preductal, was Jahre später zu massiven Disqualifikationsskandalen führte. Ein Ziel dieser Forschung war auch die Entwicklung von Stimulanzien oder Giften, die sich im Körper extrem schnell biologisch abbauen, um nach dem Einsatz im Labor nicht mehr nachweisbar zu sein.
Das Dossier Center (russisch: Досье) ist ein im November 2017 von dem im Exil lebenden russischen Oppositionellen und ehemaligen Oligarchen Michail Chodorkowski gegründetes, gemeinnütziges investigatives Rechercheprojekt. Die Organisation mit Hauptsitz in London hat das Ziel, kriminelle Aktivitäten, Korruption und illegale Auslandsinterventionen von Personen aus dem Umfeld des Kremls aufzudecken und gerichtsverwertbares Beweismaterial zu sammeln.
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